Good Beekeeping Practices
Wohlergehen von Honigbienen aktiv fördern (Honey bee welfare)
Tierwohl bei Honigbienen (nach Mellor et al., 2020; Formato et al., 2024)
Heutzutage wird das Tierwohl im Allgemeinen anhand der folgenden fünf Dimensionen beschrieben (Mellor et al., 2020 – interessierte Leser:innen können auch die in dieser Arbeit zitierten Quellen konsultieren):
-Ernährung
-Physische Umgebung
-Gesundheit
-Verhaltensinteraktionen mit der Umwelt, anderen Tieren und Menschen
-Mentale Verfassung (jede der vorherigen Dimensionen beeinflusst letztlich den mentalen Zustand durch die subjektiven Erfahrungen [Gefühle] des Tieres positiv oder negativ)
Diese fünf Dimensionen lassen sich im Grunde auch auf Honigbienen anwenden, da in der Erklärung zum tierischen Bewusstsein der New York University angenommen wird, dass es zumindest eine realistische Möglichkeit für Bewusstsein bei Insekten gibt und dass es unverantwortlich wäre, diese Möglichkeit bei Entscheidungen, die das Tier betreffen, zu ignorieren. Daher ist es wichtig, auch das Wohlbefinden von Honigbienen zu berücksichtigen (New York University, 2024). Honigbienen zeigen soziale, kognitive und sogar affektive Komplexität, die mit jener mancher Wirbeltiere vergleichbar ist (Schukraft, 2019).
Formato et al. (2024) fassen das Wohlbefinden gezüchteter Honigbienen folgendermaßen zusammen:
„Ein ausgewogener und dynamischer Zustand, so natürlich wie möglich, in dem das Superorganismus-Bienenvolk und jede einzelne Biene die Freiheit haben, ihre Rolle und Präferenzen auszudrücken, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen und sich positiv an äußere Stressfaktoren anzupassen, ohne unnötig zu leiden.“
Das Wohlbefinden sollte dabei sowohl auf die einzelne Biene als auch auf das Bienenvolk als Superorganismus bezogen werden.
In den folgenden Abschnitten werden die fünf Dimensionen des Tierwohls auf die Honigbiene angewendet (Formato et al., 2024). Im zitierten Artikel wird in Anhang A eine Liste von 243 Maßnahmen zum Wohlbefinden von Honigbienen in der Imkerei aufgeführt und erläutert, wie diese Maßnahmen den fünf Dimensionen zugeordnet werden können. Die Anwendung dieser Prinzipien zur Sicherstellung des Wohlbefindens von Honigbienen kann sie zudem widerstandsfähiger gegenüber Bedrohungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Pestizidexposition machen (Formato et al., 2024). So wurde beispielsweise gezeigt, dass Völker, die Zugang zu natürlicher Nahrung (Proteine aus Pollen) haben, seltener an Krankheiten leiden und den Winter besser überstehen als Völker, die mit Proteinzusätzen gefüttert werden (DeGrandi-Hoffman et al., 2016).
Ernährung
Herausforderungen:
-Nahrungs- oder Wassermangel
-Zu geringe Nahrungsqualität
Chancen:
-Ausreichend Futter und Wasser in guter Qualität
-Ein vielfältiges Nahrungsangebot in Bezug auf Form, Farbe und Geruch
-Ein vielfältiges Pollenangebot, das die Immunfunktion stärkt und die Krankheitsresistenz fördert
Beispiele:
-Nur dann künstlich zufüttern, wenn es notwendig ist
-Wenn Zufütterung erforderlich ist, auf gute Qualität und ein ausgewogenes Verhältnis der notwendigen Nährstoffe achten. Dies ist besonders bei Proteinzusätzen wichtig, da etwa 40% der Zucker in Soja, einem häufigen Bestandteil solcher Ergänzungen, für Bienen tatsächlich toxisch sind (Barker, 1977, zitiert in Brodschneider & Crailsheim, 2010). Der Schaden bleibt jedoch meist begrenzt, da diese Zucker durch die in Nektar und Zuckersirup aufgenommenen Zucker verdünnt werden.
-Biodiverses Pflanzenangebot -> Bienenanstandort über das ganze Vegetationsjahr (Trachtverbesserung)

Physische Umgebung
Herausforderungen:
-Beeinträchtigungen der Behausung, z. B. extreme Hitze oder Kälte, Mangel an Schatten, zu hohe Luftfeuchtigkeit oder Platzmangel im Bienenstock
-Herausfordernde Fluggebiete, etwa durch physische Hindernisse, große Entfernungen zu Nahrungsquellen, Monokulturen, hohe Dichten an Konkurrenten oder Räubern
-Schlechte Luft- oder Bodenqualität
-Vom Menschen verursachte Umweltverschmutzung, wie Pestizide, Lichtverschmutzung oder Vibrationen
Chancen:
-Angenehme Behausungsbedingungen, z. B. durch thermischen Komfort, angemessener Luftfeuchtigkeit, vorhandenen Schatten und angemessenen Platz im Stock (nicht zu viel, nicht zu wenig)
-Bienenstöcke, die durch unterschiedliche Farben oder Muster voneinander unterscheidbar sind
-Ausreichende Belüftung während des Transports
-Korrekte Einwinterung
Beispiele:
-Aufstellen von Bienenstöcken in Gebieten mit hoher Biodiversität
-Keine übermäßige Dichte an Bienenstöcken in einem Gebiet (siehe auch „crowding“ in Garrido & Nanetti, 2019) – dies trägt auch zur Verringerung der Krankheitsübertragung bei.

Gesundheit
Herausforderungen:
-Verletzungen
-Schlechter Gesundheitszustand (durch Krankheiten oder Parasiten)
-Ungünstige Reproduktionsbedingungen, z. B. eine schwache Königin oder geringe Fruchtbarkeit von Königinnen und Drohnen
Chancen:
-Verletzungen vermeiden
-Krankheiten und Parasiten vorbeugen und behandeln
-Gute Reproduktionsbedingungen sicherstellen, etwa durch eine gesunde, leistungsfähige Königin
-Regelmäßige Gesundheitsüberwachung zur Früherkennung von Krankheiten
Beispiele:
-Das Quetschen von Bienen so weit wie möglich vermeiden, z. B. indem man nach Möglichkeit ohne Handschuhe arbeitet und ruhig vorgeht
-Varroabefall durch Milbenzählung überwachen und bei Bedarf behandeln, möglichst ohne den Einsatz synthetischer chemischer Produkte
-Bienen vor und während der Inspektion anrauchen, um Stress zu reduzieren

Verhaltensinteraktionen mit der Umwelt, anderen Tieren und Menschen
Herausforderungen:
-Eingeschränkte Möglichkeiten für positives Verhalten und natürliche Interaktionen
-Einschränkung des natürlichen Flug- und Sammelverhaltens
-Einschränkung des Wabenbaus
-Einschränkung der Eiablage
-Einschränkung des Fächelverhaltens
-Einschränkung des natürlichen Paarungsverhaltens
-Unterdrückung des Schwarmverhaltens (z. B. durch Entfernen von Weiselzellen)
Chancen:
-Möglichkeit zur Ausübung natürlichen Verhaltens
-Natürliches Flug- und Sammelverhalten
-Schwärmen lassen
-Wabenbau (inklusive Bereitstellung von Bauwachs und Raum)
-Fächelverhalten fördern
-Freie Eiablage
-Natürliche Paarung
-Möglichkeit zur Interaktion innerhalb einer ausgewogenen sozialen Struktur
Beispiele:
-Haltung lokal angepasster Bienenvölker
-Verwendung der Bannwaben-Methoden anstelle des Käfigens der Königin, da sie bei der Bannwaben-Methoden weiterhin Eier legen kann
-Kein Entfernen von Drohnenbrut (auch wenn dies zur Reduktion der Varroa-Population beiträgt → es handelt sich also nicht immer um einfache, eindeutige Entscheidungen)

Mentale Verfassung
Negative Einflüsse:
-Hunger und Durst
-Unbehagen durch schlechte Behausung
-Krankheit
-Erschöpfung
-Frustration
-Einsamkeit
-Mangel an Kontrolle oder Sicherheit
-Angst
-Schmerz
Positive Einflüsse:
-Allgemeines Wohlbefinden durch geeignete Behausung
-Ruhe
-Vitalität
-Da die mentale Verfassung bei Insekten schwer direkt zu erfassen ist, sollte sie anhand beobachtbarer Indikatoren wie Aktivität, Ruheverhalten oder Aggressionslevel abgeschätzt werden.
Beispiel für die Berücksichtigung der mentalen Verfassung:
-Den Bienenstock nicht öffnen, wenn man bemerkt, dass die Bienen aggressiver oder leichter gereizt sind als sonst.

Referenzen
Brodschneider R, Crailsheim K (2010) Nutrition and health in honey bees. Apidologie 41: 278–294. https://doi.org/10.1051/apido/2010012
DeGrandi-Hoffman, G., Chen, Y., Rivera, R., Carroll, M., Chambers, M., Hidalgo, G., & de Jong, E. W. (2016). Honey bee colonies provided with natural forage have lower pathogen loads and higher overwinter survival than those fed protein supplements. Apidologie 47, 186–196. https://doi.org/10.1007/s13592-015-0386-6
Formato, G., Giannottu, E., Lorenzi, V., Roncoroni, C., Pietropaoli, M., Pedrelli, C., Bagni, M., & Palomba, S. (2024). Definition and Identification of Honey Bee Welfare Practices Within the Five Domains Framework for Sustainable Beekeeping. Applied Sciences, 14(24), 11902. https://doi.org/10.3390/app142411902
Garrido, C., & Nanetti, A. (2019). Welfare of managed honey bees. In The welfare of invertebrate animals (pp. 69-104). Cham: Springer International Publishing. DOI: 10.1007/978-3-030-13947-6_4
Mellor, D. J., Beausoleil, N. J., Littlewood, K. E., McLean, A. N., McGreevy, P. D., Jones, B., & Wilkins, C. (2020). The 2020 Five Domains Model: Including Human–Animal Interactions in Assessments of Animal Welfare. Animals, 10(10), 1870. https://doi.org/10.3390/ani10101870
New York University (2024). The New York Declaration on Animal Consciousness [online]. The New York Declaration on Animal Consciousness [letzter Aufruf: 02 Oktober 2025].
Schukraft, J. (2019). Managed Honey Bee Welfare: Problems and Potential Interventions [online]. Effective Altruism Forum. Managed Honey Bee Welfare: Problems and Potential Interventions — EA Forum [Letzter Aufruf: 02 oktober 2025]
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- z. B. Windschutz, Schatten, Wasserversorgung, Kaltluft-Senke oder Gewässernähe
- z. B. Stockkarten, Apps, Wettervorhersage, Varroawetter
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